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Review of concert in Berlin with Marcus Schmickler

28.04.06: Review of concert in Berlin with Marcus Schmickler
Feuilleton/Berliner Zeitung
Mittwoch, 26. April 2006
Ein goldener See aus Erinnerung
Digitale Patina: Christian Fennesz und Marcus Schmickler im Bastard

Von Jens Balzer

Christian Fennesz ist ein K�nstler des Lichts; er breitet kr�uselnde Klangwellen aus und bestrahlt sie mit fahler Sonne und w�rmendem Mond. Seine musikalischen Gebilde erzeugt er mit dem Laptop und der elektronisch manipulierten Gitarre. Helle, flirrende, fiselierte Figuren sind das, �ber einem Grund aus Fehlerger�uschen, aus glitches und clicks, die schnarren und knirschen und sich tief drunten zu sofort wieder verwischten Formen verdichten; hoch droben treiben melodische Fitzel dar�ber wie goldener Glitzer auf einem See.

"Endless Summer" hie� das Album, mit dem der in Wien lebende Fennesz 2001 bekannt wurde. Nicht nur der Titel spielte auf die Beach Boys und Brian Wilson an. Gegen glei�ende Sonne, mit halb geschlossenen Augen, wartete der H�rer auf die ganz gro�e Welle: Doch kaum kr�uselte sich das Wasser, war es schon wieder erstarrt wie ein Erinnerungsbild unter Patina. Was blieb, war nur das Warten selbst: das Warten, darauf, dass etwas wird - doch bei Fennesz gibt es den Sound des Entstehens nur als Nachklang dessen, was bereits nicht mehr ist. Auf "Venice" (2004) wurden sehr alte Erinnerungsbrocken aus wundenwaschendem Lagunenwasser geborgen; mit dem Gesang David Sylvians, seines Bruders im Geiste, schuf Fennesz herzzerrei�ende und doch eigent�mlich unber�hrbare Bilder einer Erinnerung, die ihrer eigenen Wahrheit nicht traut.

Die Sch�nheit dieser Musik ist kaum in Worte zu fassen; man w�re schon froh, wenn man erkl�ren k�nnte, ob sie nun kalt oder warm wirkt, subjektiv oder vom selbstbez�glichen Treiben einer subjektlosen Maschine erzeugt. Ihre Individualit�t steht au�er Frage: Unter allen am Laptop arbeitenden Musikern ist Fennesz derjenige mit der deutlichsten Handschrift; eine Signatur, die man unter hunderten identifiziert - und die heute so gegenw�rtig wie keine andere erscheint. Vielleicht deswegen auch, weil sie sich von vornherein nie im Futurismus der Kargheit ersch�pfte, im wild-reduktionistischen Gestus der alten Techno-Autoren.

Fennesz' Musik verspricht keine Zukunft, vielmehr erzeugt sie vergehende R�ume. Sie ist welthaltig wie kaum ein anderer elektronischer Sound - doch nicht, weil sie die mangelnde Reinheit ihres Gefrickels zur "W�rme" des wahren Lebens umdeuten wollte. Sondern weil sie im Glimmen und Schimmern, in ihren stets gerade verblassenden Farben so verhei�ungsvoll ist wie ein falsches Erinnerungsbild: eine Nostalgie f�r einen Ort, den man niemals betreten hat; eine Sehnsucht nach Sounds, die man in Wirklichkeit niemals h�rte.

Zeit, Licht und Farbe sind hier stets eins. Als Fennesz am Montag im Bastard Club spielte, erstrahlte selbst die muffige Grotte an der Kastanienallee f�r Momente in irisierendem Licht; in glei�enden Gitarrenfeedbacks, die leise im Mischpult verschwanden; im Zauber von Melodien, die keine waren. Wie stets wurde der H�rer mit der Sch�nheit der T�uschung bezirzt: Was sich von fern nach harmonischen Fortg�ngen anh�rte, waren in Wahrheit doch nur Schleifen und Loops; was die St�cke bewegte, bewegte sich in den unaufh�rlichen �nderungen der Textur, im sachten Sich-W�lben und Zusammenfallen der Rhythmen, in dem kaum zu verfolgenden Tempo, in dem sich "Begleitung" und "Stimme" ver- und wieder entflochten und die Tr�gheit des Ohrs unentwegt �berforderten.

Das Konzert war ein Doppelkonzert; in zwei Soli und einem Duett wechselte Fennesz sich mit dem K�lner Laptop-Musiker Marcus Schmickler ab. Das war ein interessanter Kontrast: Weit st�rker als Fennesz ist Schmickler traditionellen Noise-Techniken verhaftet; unter unaufh�rlich sich entfaltenden, vorw�rtsstrebenden Sounds w�hlte er mit eher f�hl- als h�rbaren B�ssen herum. Im Solo wirkte das etwas zu simpel; im Duett mit Fennesz verflochten sich der dr�ngende L�rm und die sich fortweg auf sich selbst zur�ckblickende falsche Erinnerung zu einem ergreifenden Bild der Vergeblichkeit und der entschwindenden Zeit.

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